,,Arbeiterliteratur"

      Zuerst hatte man die ,,Literatur von unten", und danach kam die Literatur von ,,ganz unten." Wie in ,,Gegenwartsliteratur seit 1968" berichtet wird, war in den späten sechsiger Jahren die Rede von Arbeiterliteratur deutscher Herkunft, während 1971 Horst Kammrad schon über ,,Gastarbeiter" geschrieben hat. Diese Reportage, die Max von der Grün, Günter Wallraff und andere schrieben, hat die Ausbeutungssituation der Ausländer beschrieben. Wallraff hatte schon 1972 über dieses Thema in seinem Bericht ,,‘Gastarbeiter' oder der gewöhnliche Kapitalismus" geschrieben, aber sein Exposé Ganz Unten wurde 1986 ein Riesenerfolg durch die Darstellung seiner Erfahrungen als angeldicker Türke.1

,,Gastarbeiterliteratur"

      Die Literatur von deutschen Autoren über Ausländer wurde von der Literatur der Ausländer selbst bald überholt. Die Pioniere dieser Literatur sind als ,,Gastarbeiter" in die Bundesrepublik emigriert. Franco Biondi hat als Schlosser und Elektroschweißer gearbeitet.2 Rafik Schami arbeitete in Fabriken und auf Baustellen.3 Sinasi Dikmen hat als Fachkrankenpfleger gearbeitet.4 Aber Aras Ören, der als Bierzapfer und Fabrikarbeiter tätig war, will seine Werke nicht als ,,Gastarbeiterliteratur" bezeichnen. Er würde sich lieber als ,,Renommiertürke" verstanden wissen5....

,,Literatur der Fremde"?

      Ich werde mich hier kurz in die Debatte zwischen der Verwendung verschiedener Begriffe einmischen. Ob Autoren und Kritiker den Ausdruck ,,deutschsprachige Gastarbeiterliteratur," ,,Ausländerliteratur," ,,Migrantenliteratur" oder irgendeine andere Redewendung benützen, hängt von ihren persönlichen und politischen Einstellungen ab. Franco Biondi und Rafik Schami haben den Titel ,,Literatur der Betroffenheit" (1981) für ihren theoretischen Beitrag benutzt. Für Schami ist ,,Gastarbeiter" ein politischer Begriff, der für alle gilt ,,die durch die Aufenthaltserlaubnis eine beschränkte Zukunft haben."6 Mit dieser elastischen Erklärung sind heutzutage auch ,,einheimische Ausländer," ,,Flüchtlinge und Aszylsuchende," und andere ,,nichtdeutsche Autoren" mit einbegriffen. Meistens ist diese Primärliteratur deutschsprachig, aber manche Werke sind aus Fremdsprachen übersetzt. Jedoch was zählt, ist der Inhalt und die Qualität dieser Literatur. Sie ist ,,nicht länger vorwiegend Sozialreportage oder Ausdruck individueller Betroffenheit. Sie erhebt inzwischen einen genuinen literarischen Anspruch, der nicht nur in Fachkreisen anerkannt, sondern zunehmend auch von Buchmarkt und interissierter Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen wird."7 Allerdings, was mir wichtig ist, ist, daß man die Worte von Ota Felip, Gino Chiellino, Güney Dals, Aysel Özakins, Yusuf Naoum, Suleman Taufiq, Eleni Torossi, Yoko Tawada und vielen anderen liest....

,,Ausländerliteratur"

      Natürlich gibt es fast so viele Themen und Stile wie Schriftsteller selbst. Von dem Heimweh nach dem Herkunftsland und der Enttäuschung im Einwanderungsland fühlen sich manche Emigranten zerrissen. Gehört man nirgendswohin, oder gehört man zu beiden Ländern? Giambusso drückt es so aus: ,,Zwischen mir / und mir / ist eine unfühlbare / Leere." Andere Erzähler benützen Prosa, Satire, Drama, Märchen und Parabeln, um ihre Meinungen zu äußern. Biondis Buch Abschieb der zerschellten Jahre (1984) erzählt ,,die Geschichte eines Angehörigen der ‘zweiten Generation', dem, obwohl er hier geboren ist, das Aufenthaltsrecht verweigert wird." Ein Thema, das heute noch immer Resonanz findet. Der Syrer Schami versucht seine ,,orientalische Erzähltradition...in die Literatur der Migranten einzubringen."8 Daß er nicht nur den Adelbert-von-Chamisso-Preis sondern auch 1994 den Hermann-Hesse-Preis gewonnen hat, beweist seine Begabung.9

,,Migrantenliteratur"

      Leider sind die Werke mancher Autoren schon vergriffen, aber das Münchner Institut für Deutsch als Fremdsprache und verschiedene Verlage sind gute Ressourcen....Dazu ein paar Notizen über Bücher, die noch zur Hand sind: Horst Hamms Fremdgegangen - Freigeschrieben: eine Einführung in die deutschsprachige Gastarbeiterliteratur (1988) hat eine umfangreiche Bibliographie von Primär- und Sekundärliteratur. DTVs Gegewartsliteratur seit 1968 (1992) gibt einen kurzen Überblick über die Geschichte dieser Bewegung. Schweigen ist Schuld: ein Lesebuch der Verlagsinitiative gegen Gewalt und Fremdenhaß (1993) enthält nicht nur Autoren-und Quellenhinweise, sondern auch eine Sonderliste von über achtzig Verlagen, die teilgenommen haben. Schließlich sammelt Schreiben zwischen den Kulturen: Beiträge zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (1996) Essays und Analysen von Schiftstellern und Wissenschaftlern über das Thema.
           Anmerkungen zur ,,Literatur"

Für weitere Auskunft über deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, bitte klicken Sie unten:

Primärliteratur: eine kurze Bibliographie
Verzeichnis Liefbarer Bücher
Schoenhof's Foreign Books
Internatl. Book Import Service
Neue Sirene- Zeitschrift für Literatur

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