Und so bleibt sie bei ihrem Auto. Sie hat genug Wasser und Zigaretten, daß sie bis morgen warten kann. Sie hat eine Ablenkung, die sie sofort anzündet. Als sie raucht, ruht sie sich aus. Sie vergißt die Schmerzen und beobachtet, wie der Rauch eine Nebelschicht vor ihrer Windschutzscheibe bildet. Sie schaltet die Scheinwerfer des Autos aus, und ihre Augen passen sich bereitwillig der Dunkelheit an. Alle Spannung strömt zusammen mit einiger Angst und Kraft aus ihrem Körper. Sie liegt bewegungslos in ihrem Sitz, während ihr Auto unmerklich auf dem Stumpf schwankt.

Und jetzt finden sie die Erinnerungen. Sie kommen zuerst wie Kinder, die sich in ihr Herz einschleichen. Sie sind warm und bringen Trost für viele. Sie erinnert sich daran, wie er sie liebte. Er gab ihr seine Leibe sehr frei aber sie war immer etwas reserviert. Sie konnte sich ihm nie vollständig geben. Es war ein Teil ihrer Persönlichkeit und er verstand diesen Teil von ihr. Er akzeptierte ihre Vorbehalte und wartet darauf, daß sie seine Zuneigung ganz erwidern konnte. Und sie heirateten, aber sie hielt sich immer noch etwas zurück.

Er weiß nicht, daß sie noch Vorbehalte hat, zumindest nicht nach ihrer Hochzeit. Und das war der Betrug, der ihn auf seinen Totenbett bringt. Es ist dieser Betrug. der sie noch immer heimsucht. Er bringt sie zu seinem Grab in dieser Nacht, weil sie ihn in dieser Nacht belog. Er fragte sie, ihm alles zu erzählen. Er bat sie, ihm ihr Herz ganz zu öffnen, und um ihm zu gefallen, log sie zu ihn an. Sie erzählte ihm Dinge, die nie passiert waren - Lügen. Dinge, von denen sie dachte, daß er sie hören möchte. Sie dachte, daß Lügen ihre Gewissen erleichtern würden, aber jetzt bieten diese Nacht und diese Erinnerung keinen Trost.

Sie fühlt Tränen in ihren Augen, aber sie kann nicht aufhören, daran zu denken. Die Gefühle lähmen sie und zwingen sie, darüber nachzudenken. Sie kann sie nicht wegstoßen. Sie denkt an seinen Schmerzen und sieht, daß sein Leiden beabsichtigt war. Gott wollte sie für ihren Betrug bestrafen, aber er liebt sie so sehr, daß er Gott bat, ihn statt sie dafür zu bestrafen.

Und so nahm er ihre Schmerzen auf sich und opfert sein Leben für sie. Seine Liebe für sie war völlig und komplett, während ihre begrenzt und eingeschränkt war. Ihre Liebe hatte Grenzen und diese Grenzen bedingten die Leere in ihrer Ehe und ihrem Leben.

Diese Gedanken treffen sie direkt in ihrem Herz. Sie schicken Dolche durch ihren Körper, die ihr Inneres zerreißen. Die Schmerzen verzehren sie, als von dem Auto wegläuft. Hysterie beherrscht ihren Geist als der Regen an ihrem Gesicht herunterläuft. Sie schreit vor Schmerzen und sie fällt auf ihre Knie und sucht nach den Antworten. Dann sieht sie es. Als ob Gott es dahin gehängt hat, sieht sie einen Telefondraht im Wind schwanken.

Sie denkt oft an Selbstmord, aber sie könnte nicht sterben ohne zu wissen, warum er gestorben ist. Aber jetzt weiß sie es. Er ist für sie gestorben und sie muß jetzt für ihn sterben. Sie steht für einen Moment wie gelähmt mit geöffnetem Mund. Der Regen läuft über ihren ganzen Körper. Der Telefondraht wirft keinen Schatten auf den Boden und sie glaubt nicht, daß er vor ihr hängt, aber dennoch nähert sie sich dem Baum.

Der Grund gibt mit jedem Schritt unter ihren Füßen nach, aber sie hat keine Zweifel mehr. Sie muß für ihn sterben. Sie muß sterben für sein Leben, seine Liebe und sein Leiden. Für seine Schmerzen und ihren Betrug. Und für ihre Liebe und für sich selbst. Sie kann nicht weiter in Erinnerungen gefangen bleiben. Sie kann mit dem Wissen und der Schuld nicht leben. Sie muß alles beenden.

Und so steht sie unter dem Draht, der mit dem Wind tanzt. Sie fängt ihn und zieht ihn an sich heran. Mit einem letzen Kuß, verschmilzt sie mit ihm.


Zurück zum Anfang