Wir bleiben in Düsseldorf. Warum sollen wir uns verstecken? Klaus will es nicht und sagt, dass er kein Feigling ist. Ich glaube, dass wir hier sicher sind. Hoffentlich habe ich recht. Wir haben viele Sachen in Düsseldorf. Unsere Wohnung und unser Geschäft sind sehr wichtig und wir können sie nicht verlassen. Ich habe so viele Erinnerung an diesen Ort. Mein kleiner Emil hat seine ersten Schritte in der Bäckerei getan. Klaus und ich haben hier seit unsere Hochzeit gewohnt. Vielleicht gibt es jetzt Probleme in Deutschland, aber Klaus sagt, dass alles besser wird. Ich bin nicht sicher, aber ich muss meinem Mann vertrauen.
Was für schrechtliche Dinge können die Nazis machen? Juden sind auch Menschen. Die Nazis müssen das wissen. Ich weiss, dass viel anders für uns ist, und wir können nicht machen, was andere Leute machen können. Das Leben in Deutschland ist schwer für uns. Vielleicht hätten wir alle nach Schweden gehen sollen. Jetzt können wir nicht mehr, weil alle unsere Passes konfisziert wurden. Wir müssen in Deutschland bleiben. Die Regierung kontrolliert, wohin und wann Juden reisen. Warum braucht die Regierung meinen Pass? Warum darf ich nicht reisen? Ich verstehe nicht, was passiert ist. Klaus ist so ruhig, aber ich bin immer nervös. Jeden Tag sehe ich die Geheime Staatspolizei auf der Strasse. Ich habe Angst vor diesen schreckliche Männern. Es gibt jetzt so viele Polizisten, aber sie sehen wie Soldaten aus. Was ist hier los? Das Militär ist überall und ich weiss nicht warum. Ich hoffe, dass ich meine Wahl hier zu bleiben nicht bedaure.
25. Januar 1940
Düsseldorf, Deutschland
Was soll ich machen? Die Nazis haben meinen Nachbarn, Eli Goldmann, getötet. Ich bin nicht sicher aber ich glaube, dass es passiert ist. Letzte Nacht um 2 Uhr gingen die Nazis in seine Wohnung. Ich bin aufgewacht, weil Emil krank war und geweint hatte. Ich war am Fenster und hatte zwei Autos gesehen. Soldaten oder die Sturmabteilung waren in den Autos. Alle diese Männer hatten Pistolen und waren in schwarz gekleidet. Sie gingen in die Wohnung Goldmanns, aber nur für ein paar Minuten. Als sie zurück kamen, trugen sie Eli. Er war bewusstlos und konnte nicht selber gehen. Vielleicht war er nicht tot, aber er muss mittlerweile tot sein. Die anderen Leute in der Nachbarschaft wissen nicht, was gestern Abend passiert ist, aber alle denken, dass es etwas mit den Nazis zu tun hat.
Eli arbeitet für eine Untergrundgruppe gegen die Nazis. Er schreibt Artikel für eine jüdische Zeitung. Er weiss viel über die Nazi Partei und sagt viel gegen sie. Er glaubt, dass die Nazis alle Juden in Deutschland vernichten wollen. Er sagt, dass er es von einem Freund in der Nazi Partei gehört hat. Ich weiss, dass die Nazis unser Leben kontrollieren, aber wie können sie alle Juden vernichten? Vielleicht hat Eli recht, aber es ist zu spät für ihn. Er weiss zu viel und es hat ihm wahrscheinlich das Leben gekostet.
18. November 1941
Düsseldorf, Deutschland
Heute müssen wir gehen. Ich glaube, ich habe einen Nervenzusammenbruch. Die Nazis ubersiedeln alle Juden in Düsseldorf. Wir müssen unser Geschäft und unsere Wohnung zurücklassen. Wir können nichts machen, und wir haben keine Wahl. Die ganze Regierung ist verrückt. Ich hasse sie. Ich weiss nicht, wohin wir gehen. Wir müssen am Morgen zum Bahnhof gehen, und wir dürfen nur zwei Koffer für die ganze Familie mitbringen. Wir haben eine grosse Wohnung und viele Sachen. Zwei Koffer sind nicht genug!! Ich kann nicht mein ganzes Leben in zwei Koffer stecken!! Es ärgert mich!! Was soll ich mit meinen anderen Sachen machen? Wenn ich sie in der Wohnung zurücklasse, werden die Nazis alles nehmen. Sie sollen meine Sache nicht haben!! Wenn ich nur mehr Zeit hätte! Ich habe nur ein paar Stunden. Ich kann mit niemandem in meiner Familie sprechen. Ich wünschte, dass meine Mutter hier wäre. Ich weiss nicht, wo sie ist. Meine ganze Familie ist weggegangen. Seit zwei Monaten habe ich keinen Brief mehr bekommen. Ich weiss nicht, ob meine Familie in ein Lager deportiert wurden. Vielleicht kann ich sie morgen finden. Ich habe viel zu tun . . .
21. Dezember 1941
Polen
Jetzt haben wir nichts mehr. Wir sind irgendwo in Polen und wir wohnen in einem Ghetto mit 30 anderen deutschen Juden in einer kleinen Wohnung. Essen ist spärlich und wir alle haben immer Hunger. Wir haben Essen mitgebracht, aber es ist nicht genug. Es ist sehr kalt und wir haben hier keine Wärme. Die Schutzstaffel ist überall und geizig. Immer haben sie ihre Pistolen und Waffen dabei. Wir müssen hierbleiben und dürfen nicht reisen oder aus dieser Stadt weggehen. Jeden Abend gibt es eine Polizeistunde um 20 Uhr, und wir müssen in unsere Wohnungen gehen. Es macht nichts. Wir können nichts draussen machen, weil es so kalt ist und immer schneit. Ich weiss nicht, wie gross dieses Ghetto ist. Ich sehe die gleichen Leute jeden Tag, aber ich weiss, dass es hier viel mehr Juden gibt.
Wir haben kein Geld und die meisten meiner Sachen sind in meiner Wohnung in Düsseldorf. Wir alle sind arm und hilflos. Wir haben hier nichts zu tun. Den ganzen Tag sitze ich herum und mache mir Sorgen. Manchmal arbeitet Klaus für die Nazis und bekommt ein bisschen Brot oder etwas. Ich weiss nicht, was er macht, aber ich weiss, dass es schwere Arbeit ist. Die schrecklichen Nazis sind brutal. Mein Mann sollte nicht für sie arbeiten. Wir sollten nicht hier sein. Ich habe Heimweh.
Ich bin beunruhigt, weil ich glaube, dass Emil krank ist. Er hat Fieber und isst nicht mehr. Hier gibt es keine Ärzte und keine Medizin. Was kann ich machen? Mein Baby ist krank und ich kann nichts für ihn tun. Klaus sucht einen jüdischen Arzt in einem anderen Teil dieser Stadt. Ich hoffe, dass er bald einen findet.
14. Januar 1942
Polen
Ich bin ganz allein. Mein Baby und mein Mann sind tot. Klaus fand einen Arzt für Emil, aber es war zu spät und Doktor Schmidt durfte nicht her kommen. Es gibt so viele Regeln hier. Die Schutzstaffel ist sehr streng und sie erschiesst alle Leute, die diese Regeln mißachten. Letzten Abend um 24 Uhr ging Klaus zur Wohnung von Doktor Schmidt. Er wollte Dr. Schmidt zu uns bringen. Ich bin nicht sicher, was letzten Abend passiert ist. Klaus ist weggegangen und kam nicht zurück. Ich habe gehört, dass die Wache ihn gefunden hat, und dass er erschossen wurde, bevor Klaus Doktor Schmidt besucht hatte. Mein lieber Mann ist tot. Wir waren nur neun Jahre lang verheiratet. Mein Baby ist auch gestern Abend ums Leben gekommen. Es war so krank . . . Ich bin traurig und allein. Jetzt habe ich keine Familie, kein Essen, kein Geld . . .
Das Tagebuch endet am 14. Januar, 1942. Anja Birnstieg hat nicht mehr geschrieben. Ihr Sohn starb, weil er so krank war. Die Nazis haben Klaus erschossen, als er Hilfe für seinen kranken Sohn suchte. Anja ist eine Woche später ums Leben gekommen. Sie hatte nicht genug zu Essen und konnte nicht in dieser schrecklichen Zeit überleben.