Die Freie Demokratische Partei (FDP)

Die deutschen Liberalen, die es schon im Bismarck-Regime an Einigkeit hatten fehlen lassen und deren Wählerstamm in der Weimarer Zeit noch weiter dezimiert worden war, bezeichnen sich gern als Dritte Kraft in der deutschen Politik. Zwar gelang es ihnen, als unentbehrlicher Koalitionspartner fast immer eine wichtige Rolle zu spielen, aber die Position des kleinen Dritten zwischen den beiden Großen war ideologisch schwer zu behaupten und politisch eher undankbar. Da das liberale Gedankengut auch in den beiden-großen Parteien rezipiert worden war, blieb der FDP im wesentlichen nur die Frontstellung gegen eine mögliche Konfessionalisierung der Politik durch die CDU oder gegen kollektivistische und planungswirtschaftliche Tendenzen in der SPD. Immerhin gab es vor allem in den Mittelschichten und bei den kleinen Gewerbetreibenden genügend Menschen, die aus diesen und verwandten Gründen weder die SPD noch die CDU unterstützen mochten und die FDP vorzogen.

Da die Mitglieder (ca. 65 000 vor 1989) und Wähler der FDP aus ganz verschiedenen Motiven zur Partei stießen, bot die Partei von Anfang an ein uneinheitliches Bild mit divergierenden Tendenzen. In manchen, vor allem in den west- und norddeutschen Landesverbänden, dominierte anfangs eine nationalliberale Strömung, die sogar ehemalige Nationalsozialistcn angezogen hatte; im Süden, vor allem in Baden-Württemberg, aus dem der erste Führer der FDP, Theodor Heuss, kam, war die freisinnig-liberale und sozial-liberale Komponente vorherrschcnd. Angesichts der drückenden Ubermacht der beiden großen Parteien mußte die FDP eine schwierige Balance zwischen den verschiedenen Interessen wahren, immer in der Furcht, ihre Wähler könnten schließlich doch zur CDU oder zur SPD abwandern, oder die beiden großen Parteien könnten durch Einführung des Mehrheitswahlrechts der lästigen FDP den Garaus machen. Angesichts der Bedeutung, welche gerade der restaurative Aufbau des Wirtschaftslebens für die Anfangsjahre der Bundesrepublik besaß, war die Bildung eines bürgcrlichen Kabinetts aus CDU und FDP eine natürliche Allianz, die auch (von der Periode zwischen 1957 und 1961 abgesehen) immer wieder erneuert wurde. In ihrer Rolle als kleiner bürgerlicher Koalitionspartner mußte die liberale Partei jedoch immer wieder deutlich machen, daß nicht nur Adenauer bzw. Erhard und die CDU, sondern auch sie die Bundesrepublik regierte. Aus diesem Grund kam es bei verschiedenen teilweise berechtigten Anlässen zu Koalitionsspannungen, welche die Einheit des Bürgerblocks gefährdeten. Diese Konflikte waren schwer vermeidbar, wenn die liberale Partei überhaupt ein unabhängiges Profil gewinnen sollte. Trotz dieser Anstrengungen (Profilneurose) zeigt es sich jedoch, daß die Partei zu schwach ist, eine wirklich und dauerhaft bestimmende dritte Kraft in der deutschen Politik zu sein.

Die Wiedervereinigung Deutschlands hat die Position der Liberalen deutlich gestärkt. Aus den Bundestagswahlen vom Dezember 1990 ging die FDP mit dem beachtlichen Ergebnis von 11,0% hervor, das ihr vorerst die Sorge nimmt, einmal aus der Regierungsbeteiligung durch Nichterreichen der 5%-Klausel ausgeschaltet zu werden. Die FDP hat unter Führung des Grafen Lambsdorff vor allem in ihrer Sozial- und Wirtschaftspolitik ein stark rechtsorientiertes Profil erhalten, bleibt aber bemüht, in Fragen der Rechtsgestaltung und der Rechtssicherheit ihr liberales Image nicht völlig zu verlieren. Durch die Fusion mit der FDP-Blockpartei in der ehemaligen DDR ist das zwischen 60 und 70000 schwankende Mitgliederpotential der Partei um über 100000 neue Mitglieder verstärkt worden. Keine andere west-deutsche Partei hat durch die Wiedervereinigung eine so erhebliche Erweiterung ihres Mitgleiderstandes erfahren, doch hat sich dies bislang auf die Politik und die Führung der Partei noch wenig ausgewirkt.


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