Im Europaparlament gelten elf Amtssprachen: Dänisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Griechisch, Italienisch, Niederländisch, Portugiesisch, Spanisch, Schwedisch und Finnisch. Alle Aussprachen werden in elf Sprachen geführt und durch Simultandolmetscher übersetzt. Auch alle amtlichen Dokumente werden in elf Sprachen veröffentlicht. Das ist ein enormer und äußerst zeitraubender Aufwand. Deshalb hat man sich für den normalen Geschaftsbetrieb auf drei Arbeitssprachen geeinigt, und zwar: Englisch, Französisch und Deutsch. Französisch ist dominierend, Englisch folgt in weitem Abstand, Deutsch ist Schlußlicht. Nun weiß aber jeder, daß in Europa weit mehr als elf Sprachen gesprochen werden, und hieraus ergibt sich die Frage, wie es mit der Sprachenvielfalt im heutigen Europa steht und wie sie sich in der Zukunft gestalten wird.
Zunächst ein kurzer Überblick über die heutige Lage: Europa war und ist ein vielschichtiges Gebilde mit einer langen und wechselvollen Geschichte. Drei große Völkerfamilien, die Romanen, die Germanen und die Slawen, machen den Großteil der Bevölkerung aus. Sie gehören kulturell und sprachlich zusammen und werden als indogermanische oder indoeuropäische Sprachfamilie bezeichnet. Daneben gibt es aber nicht indogermanische Gebiete und Inseln, die aus weiter östlich liegenden Bereichen stammen und dem sogenannten uralaltaischen Sprachstamm zugehören. Fremde Sprachinseln in Europa sind zum Beispiel das Finnische, das Estnische, das Ungarische und das Baskische.
Vergleicht man die großen Sprachgruppen der slawischen, der germanischen und der romanischen Sprachen in bezug auf ihren grammatischen Aufbau, das heißt in struktureller Hinsicht, so zeigen sich bestimmte Eigenarten, die zugleich bestimmte Tendenzen in der Gesamtentwicklung der indoeuropäischen Sprachen erkennen lassen.
Allgemein läßt sich sagen, daß sich die alten Sprachen, zum Beispiel das Griechische und das Lateinische, durch einen großen Formenreichtum auszeichnen. Formenreichtum aber bedeutet auch Reichtum an syntaktischen Möglichkeiten, also Freiheit in Wortstellung und Satzbau. Die Sprachentwicklung geht nun allgemein dahin, daß im Laufe der Zeit der Formenreichtum zurückgeht und auf das wirklich Notwendige reduziert wird. Dieser Formenrückgang hängt mit einem ständigen Verschleiß im Sprachgebrauch zusammen, der zu einer Ökonomie der Ausdrucksmittel tendiert. Zugleich aber wächst der Wortschatz in einer sich geistig erweiternden Welt beständig, so daß die Reduktion auf der grammatisch-formalen Seite durch den Zuwachs auf lexikalischer Seite aufgewogen wird.
Die äussere Gestalt der Sprache
Die Sprachen, die politisch und wirtschaftlich eine Weltrolle spielen konnten und entsprechend weite Verbreitung fanden, sind stärker abgeschliffen und verändert worden als jene, die von Weltpolitik und Handel weniger berührt wurden. Erinnert sei hier nur an das Spanische, das Französische und das Englische, die alle drei Weltrollen gespielt haben und dadurch geprägt worden sind. Das Deutsche und mehr noch das Russische haben eine weniger einflußreiche Rolle spielen können. Sie sind daher auch weniger den allgemeinen Entwicklungstendenzen unterworfen worden.
Generell ist festzustellen, daß sich die europäischen Sprachen in ihrem Sprachbau in eine Richtung verändert haben, die man als Übergang von mehr synthetischer zu mehr analytischer Formenbildung bezeichnen kann. Was damit gemeint ist, läßt sich an wenigen Beispielen leicht zeigen. Eine lateinische Form wie amavi übersetzen wir mit ich habe geliebt, im Lateinischen handelt es sich um eine Form, die Person, Zahl, Aussageweise und Zeit synthetisch in sich vereint, im Deutschen haben wir das isolierte Personalpronomen ich, dann das Hilfsverbum habe und schließlich das Partizip Perfekt von lieben, nämlich geliebt Es handelt sich um eine analytische Formenbildung. Im Lateinischen haben wir, um ein weiteres Beispiel zu nennen, eine synthetische Kasusbildung femina, feminae, Plural feminnae, feminarum, im Deutschen die Frau, der Frau, die Frauen, der Frauen. Der Artikel ist analytisch hinzugekommen, die Endungen sind geschrumpft, die Anzahl der Kasus ist von sechs im Lateinischen auf vier im Deutschen reduziert.
Blickt man nun unter diesen allgemeinen Gesichtspunkten auf die großen Sprachen Europas, so lässt sich hinsichtlich ihrer grammatischen Struktur ein gewisses Ost-West Gefälle feststellen. Die slawischen Sprachen im Osten zeigen noch verstärkt synthetischen Formenbau und -reichtum, das zentraleuropäische Deutsch nimmt eine Art Mittelstellung ein, und die westlichen romanischen und germanischen Sprachen sind in der Reduktion ihres grammatischen Formenreichtums am weitesten fortgeschritten. Spitzenreiter ist das Englische, das seine Grammatik auf ein Minimum reduziert hat und deshalb als eine besonders leicht zu erlernende Sprache gilt. Aber dieser Schein trügt. Zwar gibt es im Englischen nur den Einheitsartikel the statt der drei deutschen Genera der, die, das, zwar kennt ein Verb wie to go zum Beispiel im Präsens nur zwei Formen go, goes anstatt fünf wie im Deutschen, aber diese grammatische Armut wird völlig wettgemacht durch eine Fülle von Redewendungen, durch eine ausgeprägte Idiomatik also. Deshalb ist Englisch für Ausländer im Anfang leicht, im fortgeschrittenen Stadium aber sogar recht schwer.
Die allgemeinen Sprachstrukturen wurden bisher nur in ihrer außeren formalen Gestalt betrachtet. Wichtiger aber noch ist die inhaltliche Seite der Sprache, denn sie ist es ja, die den Gedankeninhalt, die Bedeutung, den Sinn der sprachlichen Äußerung ausmacht. Sprache ist nicht nur Mittel der Verständigung und der Kommunikation, wie meist gesagt wird, sondern sie ist vor allem das Medium, das uns befähigt, die Welt geistig zu erfassen und mit anderen über sie zu sprechen. Sprache ist Schlüssel und Brücke, sie erfasst alles, was wir sinnlich erfahren und emotional erleben, in einem besonderen Netz sprachlicher Begriffe. Jede Sprache enthält eine besondere Weltansicht, ein bestimmtes Bild der Welt, das in Jahrtausenden entstanden ist und an dessen Weiterentwicklung wir alle täglich beteiligt sind. Gerade auf die Bedeutung der inhaltlichen Seite der Sprache und damit auch der Sprachverschiedenheit hingewiesen zu haben ist das besondere Verdienst Wilhelm von Humboldts, der nicht nur ein bedeutender preußischer Staatsmann war, sondem auch ein Sprachforscher allerersten Ranges.
Recht auf die Mutteresprache
Die kurz geschilderte Sprachenvielfalt Europas ist das Ergebnis einer zweitausendjährigen geschichtlichen und kulturellen Entwicklung. Gewiß hat sie die gegenseitige Verständigung erschwert und das Entstehen von Feindbildern mit kriegerischen Folgen begünstigt. Aber die Kämpfe, die Europa erschüttert haben, hatten oft ganz andere Ursachen. Es gab Bruderkriege zwischen gleichsprachigen Nationen, wobei Bündnisse mit anderssprachigen Mächten nicht selten waren. Auch schlossen sich verschiedene Nationen im Abwehrkampf gegen äußere Feinde, zum Beispiel die Türken, zusammen. Rein machtpolitische Interessen waren ebenso massgebend wie der Streit der christlichen Konfessionen. Die Sprachen spielten dabei kaum eine Rolle. In den beiden Weltkriegen war dies jedoch schon anders. Der Versailler Vertrag sollte zwar das Selbstbestimmungsrecht der Völker respektieren, aber er schuf recht willkürliche neue Grenzen, trennte, was zusammengehörte, und vereinte, was gar nicht zusammengehören wollte. Sprachliche Minderheiten wurden geschaffen und bildeten den Keim zu neuen Sprachkämpfen. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg sind die Minderheitenfragen immer noch nicht gelöst. Das Selbstbestimmungsrecht der Volker schliesst aber auch das Recht auf Muttersprache ein. Dies muß auch fur die Zukunft gelten.
Wie aber ist die Sprachenvielfalt Europas generell zu bewerten? Man darf sie als einen Reichtum betrachten, dessen positive Seiten alle negativen Nebenerscheinungen weit überragen. Welchen unermesslichen Schatz haben uns die europäischen Sprachen allein in der Philosophie und in der Literatur beschert. Was wäre Europa, ja was wäre die Welt ohne Sokrates, Platon und Aristoteles, ohne Descartes und Rousseau, ohne Leibniz, Kant und Hegel, ohne Locke und Hume, um nur einige Klassiker zu nennen.
Was ware die Weltliteratur ohne Homer, Aischylos und Sophokles, ohne Dante, Cervantes, Shakespeare, Racine und Molière, Goethe und Schiller, Dostojewski und Tolstoi? Dabei handelt es sich nur um wenige überragende Gestalten, die durch die Großen der neueren Zeit zu ergänzen wären. Der denkerische und künstlerische Wert ihrer Schöpfungen ist so einzigartig, daß er selbst in den zahlreichen Übersetzungen nachvollziehbar bleibt, obwohl diese die Originale nie zu erreichen vermögen. Hier zeigt sich, wozu die Sprachen Europas fähig sind. Was aber soll in der Zukunft aus dieser Sprachenvielfalt werden, wenn Europa wirtschaftlich und politisch zusammenwächst? Ist mit einem Europa der Vaterländer zu rechnen, wie es Charles de Gaulle vorschwebte, mit einer Föderation autonomer Staaten, zu der die Europäische Union die Voraussetzungen schafft, oder gar mit "Vereinigten Staaten von Europa" nach dem Muster Amerikas, womöglich mit einer Einheitssprache als übergreifendem und in ferner Zukunft einzigem Mittel der Verstandigung? Es gibt Europäer, die sich letzteres als ideale Zukunftslösung vorstellen. Sie meinen, ein vereinigtes Europa müsse auch sprachlich eine Einheit bilden. Sie verweisen auf die Beispiele der USA und Chinas. Zunächst gehe es darum, eine gemeinsame europaische Zweitsprache einzuführen. Hier hätte das Englische nach Lage der Dinge die größten Chancen. Diese gemeinsame Zweitsprache werde sich dann mehr und mehr durchsetzen und die alleinige Erstsprache dieses Kontinents, der einheitlichen "Großnation" Europa, werden. Die 62 Muttersprachen würden mit der Zeit völlig verschwinden. Dies ist eine utopische Vorstellung. Sie wird nie verwirklicht werden.
Eine Welthilfssprache?
Wie aber stünde es mit einer künstlichen Zweitsprache für Europa, die alle nationalen Empfindlichkeiten neutralisieren wurde? Manche denken ernsthaft an die Einführung des Esperanto. Eine Welthilfssprache soll von allen Menschen leicht erlernbar sein. Beim Esperanto handelt es sich aber um ein Konstrukt auf indoeuropäischer Basis, es ist also beispielsweise für den Afrikaner oder den Asiaten völlig fremd und undurchschaubar, also auch schwer zu lernen. Wenn eine Welthilfssprache allen Menschen in stets gleicher Form verfügbar sein soll, darf sie sich nicht ändern. Es ist aber das Kennzeichen aller lebenden Sprachen, dass sie sich mit der Zeit wandeln, schon deshalb, um den Erfordernissen einer sich ständig wandelnden Welt genügen zu können. Ein starres Konstrukt ist hingegen lebensfremd, steril und tot. Alle Sprachen haben ihre eigene Lautgestalt und ihre eigenen Aussprachegewohnheiten. Der Amerikaner wird daher Esperanto ungewollt ganz anders aussprechen als der Japaner oder der Bantuneger. Von daher also ist die gewünschte weltweite Einheitlichkeit auch nicht erreichbar. Für das Europa der Zukunft sollte Esperanto als Einheitssprache ausscheiden. Dann schon lieber Englisch, das ohnehin bereits am weitesten verbreitet ist und über 250 Millionen Sprecher hat, während die Zahl der Esperantosprecher weltweit auf nur fünfzehn Millionen geschätzt wird.
Prognose
Das zukünftige Europa wird vielsprachig bleiben. Die Vorstellung, dass man eines Tages in Paris, Berlin, Rom und Madrid nur Englisch sprechen werde, ist geradezu grotesk. Und es wäre dies ein Jammer fur die europäische Kultur, die auf Vielsprachigkeit gegründet ist. Englisch mag im Verkehr, wie heute schon in der Luftfahrt, europaweit gelten. Auch in manchen Wissenschaftszweigen, zum Beispiel in den exakten Naturwissenschaften, wird es sich vermutlich noch weiter durchsetzen. Aber in der Philosophie und in den anderen Geisteswissenschaften bleiben die großen europäischen Sprachen unaufgebbare Garanten einer Vielfalt von gedanklichen Möglichkeiten. Im ganzen bleibt als Fazit festzuhalten: Die Sprachenvielfalt Europas bleibt auch für die Zukunft ein großer Reichtum, der einen getreuen Spiegel unserer kulturellen Pluralität darstellt. Wir wollen und sollten nicht auf ihn verzichten, auch wenn Verständigungsschwierigkeiten unausweichlich damit verbunden sind. Gäbe es statt dessen nur eine Sprache in Europa, ähnlich wie in den Vereinigten Staaten von Amerika, könnten wir zwar besser miteinander reden, dies aber um den Preis einer großen geistigen Verarmung. Dem einheitlichen Grau einer einzigen sprachlichen Weltansicht ist das bunte Spektrum vieler sprachlicher und damit geistiger Weltansichten in jedem Falle vorzuziehen. Wir wollen ein vereinigtes Europa, aber die europäischen Sprachen sollen in ihm weiter blühen und gedeihen.